Wer macht was, wann und wozu?
In Projekten geht selten verloren, was klar terminiert ist. Verloren geht, was niemand auf einer gemeinsamen Zeitachse sieht. Das Gantt-Diagramm ist eine gute Visualisierung dessen, was zu tun ist. Es stellt Projektaufgaben als horizontale Balken auf einer Zeitachse dar. Daraus entsteht ein Bild, das drei Funktionen gleichzeitig erfüllt: Planung (Was muss wann passieren?), Kommunikation (Alle sehen dasselbe Bild) und Steuerung (Wo stehen wir heute im Vergleich zum Plan?). Was gute Gantt-Pläne von formal korrekten unterscheidet: Sie machen nicht nur sichtbar, wer was wann tut, sondern auch wozu. Jede Aufgabe und jeder Meilenstein hat einen klaren Beitrag zum Projektergebnis; wo dieser Zweck fehlt, gehört die Aufgabe entweder geschärft oder gestrichen. Im Qualitäts- und Prozessmanagement ist das Gantt-Diagramm das Standardinstrument für die operative Projektsteuerung.
Das Gantt-Diagramm lohnt sich überall dort, wo mehrere Aufgaben in einer definierten zeitlichen Abfolge erledigt werden müssen und Termine verbindlich kommuniziert werden sollen.
Das Gantt-Diagramm ist mächtig in seiner Einfachheit und genau das macht es anfällig für Missbrauch. Ein präzise gezeichnetes Diagramm suggeriert Planungsgenauigkeit, die in der Realität fast nie gegeben ist. Aufwandsschätzungen sind immer mit Unsicherheit behaftet; ein schön formatierter Plan kann diese Unsicherheit verschleiern, statt sie sichtbar zu machen. Eine weitere Grenze: Das Diagramm zeigt, wann etwas erledigt sein soll und nicht, warum es nicht erledigt wurde. Für die Ursachenanalyse von Verzögerungen braucht es andere Werkzeuge. Bei sehr komplexen Projekten mit vielen Abhängigkeiten wird die Darstellung schnell unübersichtlich; ab etwa 50 Aufgaben empfiehlt sich eine Aufteilung in Teilpläne. Und für agile Projekte mit häufig wechselnden Anforderungen ist das klassische Gantt schlicht das falsche Werkzeug, hier sind Kanban-Boards oder iterative Formate die bessere Wahl. Die häufigste Praxisfalle bleibt aber eine andere: Ein Gantt-Diagramm hat zwei Feinde – die Schublade und die Schönfärberei. Wer es nach dem Kickoff nicht mehr öffnet oder nicht ehrlich aktualisiert, hat kein Steuerungsinstrument, sondern ein gut gemeintes Dokument.